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Spätestens seit der Renaissance ist die Lehrdichtung poetologisch immer wieder als Problemgattung verhandelt worden, bis sie im 20. Jahrhundert sogar für tot erklärt wurde. Wie war das möglich, hatte das lateinische Lehrgedicht im Zeitalter der wissenschaftlichen Revolution doch eine wahre Blüte erfahren? Die vorliegende Arbeit versucht auf diese Frage vor dem Hintergrund der Modernetheorie Bruno Latours zu antworten. Als Hybrid zwischen Poesie und Wissenschaft, Vergangenheit und Neuzeit, Menschen- und Naturdingen läuft das Lehrgedicht der von Latour für die Moderne postulierten "Großen Trennung" von Natur und Kultur zuwider und wirkt auf ein modernes Publikum wie das verstaubte Artefakt eines vergangenen Wissenssystems.
Was aber im Rahmen einer modernen Weltbeschreibung ein Nachteil war, entfaltet aus der Perspektive der Latourschen Philosophie und Akteur-Netzwerk-Theorie kritisches Potenzial. Anhand ausgewählter Textbeispiele wird gezeigt, dass die frühneuzeitliche lateinische Lehrdichtung gerade im Hinblick auf die Herausforderungen des Anthropozäns die Möglichkeit bietet, die menschliche Beziehung zur Welt und die gesellschaftliche Bedeutung wissenschaftlicher Naturdichtung zu überdenken.
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